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Interview Nürnberger Nachrichten 30.04 19

 
„Es nervt mich, wenn Leute über Europa schimpfen“ 
 
Die deutsch türkische Liedermacherin HÜLYA FRIEBE aus Nürnberg spricht über Religion, Deutschland und Frauen im Musikgeschäft. 
 
Hülya Friebe wurde 1975 in Erbendorf in der Oberpfalz geboren, ihre Eltern kamen 1973 aus der Türkei nach Deutschland. Sie wuchs mit neun Geschwistern auf. Schon früh interessierte sie sich für Musik, spielte mit Anfang 20 im Vorprogramm ihres Idols Joan Baez in München. Seit vier Jahren lebt die Singer/Songwriterin und Gitarristin in Nürnberg. Hier produziert sie lnstrumentalsongs sowie Lieder auf Deutsch, Englisch und Türkisch. Mit ihrem Mann hat sie die Produktionsfirma Sema Zenema gegründet und arbeitet derzeit im hauseigenen Studio an mehreren neuen Alben. [...]
 
Hülya Friebe ist „die Stimme des Friedens“. Die deutsch türkische Liedermacherin, die in Nürnberg lebt, setzt sich für Liebe und Toleranz ein. Zur „Blauen Nacht" ist Hülya, als Musikerin lässt sie ihren Nachnamen weg, in der Nürnberger Egidienkirche zu erleben. Im Interview spricht sie über ihren künstlerischen und spirituellen Lebensweg. 
 
Frau Friebe, hätten wir uns vor elf, zwölf Jahren getroffen, säßen Sie mir jetzt mit Kopftuch gegenüber. Warum haben Sie es abgelegt? 
 
Ich habe damals eine, sagen wir, asketische Form der Religion gelebt, eine eher in sich gekehrte. Für damals war das auch vollkommen in Ordnung, aber heute kann ich nichts mehr damit anfangen. Ich habe mich dem Sufismus zugewandt, speziell den Schriften des Derwischs Mevlana aus dem 12. Jahrhundert. Ich bin auch Mitglied im Nürnberger Mevlana Verein. Das Besondere an ihm ist, dass er keine Grenzen setzt, sondern alle Menschen einlädt, egal welcher Religion sie angehören. Er urteilt nicht. Seine Botschaft ist eine Botschaft der Liebe. Mevlanas Form des Sufismus reflektiert für mich einen Islam, der sich auf die Übersetzung des Wortes Islam, welches Hingabe und Gotter gebenheit bedeutet, beruft, und sich mit Zeit und Ort mitentwickelt, up to-date bleibt sozusagen. 
 
Sind Sie religiös aufgewachsen? 
Eher locker religiös. Der Islam spielte schon eine Rolle, aber Kopftuch hat meine Mutter zum Beispiel keines getragen. 
 
Warum haben Sie sich dafür entschieden? Ich habe zunächst die andere Seite stark ausgelebt, das Show Business und die Musikszene. Doch das war irgendwann sehr anstrengend für mich. Nach Tourneen hatte ich oft schlimme Depressionen. Ich konnte diese Rolle einfach nicht annehmen. Die Religion und das Gebet gaben mir damals Halt und Frieden, Nach und nach kamen aber immer mehr "menschliche" Regeln dazu, man sagte mir, was man als Muslima machen dürfe und was nicht. Und so verbot ich mir selbst immer mehr Dinge, um ja nichts falsch zu machen. Das Kopftuch war in der Tat so etwas wie eine Flucht weg von der Show Welt, in der man immer etwas darstellen muss. Ich wollte nicht als Sexualobjekt wahrgenommen werden. Generell sollte jede Frau aber Kopftuch tragen dürfen, wenn sie es möchte. An sich ist es ja auch überhaupt nichts Islamisches. Glaube darf allerdings nie Zwang sein, ich lehne jede Art von Dogma in allen Religionen ab. Dazu gehört naturlich auch, dass ich niemandem von meinen Weg überzeugen will. Aber ich wünsche jedem, dass er sich im Laufe seines Lebens weiterentwickelt. 
 
Damals haben Sie auch einen großeren Plattenvertrag abgelehnt. 
Daran war eigentlich Konstantin Wecker schuld. Er hat mir gesagt: Das bist nicht du. Du bist keine Pop-Diva, du bist eine Liedermacherin. Das war damals auch die absolut richtige Entscheidung. 
 
Im Jahr 2005 erschien ihr Buch „Himmelstochter Mein Weg vom Popstar zu Allah“, von dem Sie sich heute distanzieren. 
 
Nein, ich stehe dazu. Aber es ist Vergangenheit, ich habe mich weiterentwickelt. Die Idee zu dem Buch war an mich herangetragen worden, um das Bild des Islam in Deutschland zu verbessern. Es fand auch große Beachtung und plötzlich stand ich mehr in der Öffentlichkeit als vorher, es trat also genau das Gegenteil von dem ein, was ich ursprünglich ja erreichen wollte. In dieser Zeit geriet die Musik etwas in den Hintergrund und irgendwann rebellierte auch mein Körper wieder und ich merkte, ich muss etwas ändern. In dieser Zeit kam ich verstärkt mit Mevlana in Kontakt. Die Entscheidung, das Kopftuch dann abzusetzen, war schwieriger, als es aufzusetzen. Die Reaktionen darauf waren teilweise heftig. Aber ich merkte: Recht machen kann ich es sowieso nicht jedem. 
 
Kürzlich haben Sie den Song „[We] love Europe“ veröffentlicht, eine Hymne an Europa, das Video haben Sie in Nürnberg Auf AEG gedreht. Was war die Inspiration für das Lied? 
 
Es nervt mich, wenn Leute über Deutschland und Europa schimpfen. Jedes Land, jede Kultur, jeder Mensch hat gute und schlechte Seiten. Aber ich liebe es, hier zu leben und ich bin überzeugte Europäerin. Ich kann Gott nicht genug dafür danken, dass ich in Deutschland zur Welt kam. Ich bezeichne mich als Deutsch-Türkin, ich passe eher nach Deutschland. Aber auch die Türkei ist ein Land, in dem man relativ frei leben kann. 
 
Da würden Ihnen sicher viele widerspiechen. 
 
Durch die einseitige Berichterstattung der Weltpresse sind aber viele Informationen über die Türkei in Umlauf, die nicht stimmen. Man darf doch auch nicht vergessen: Die Türkei war lange eine Militärdiktatur. Vor 30, 40 Jahren gab es oft kein Wasser, keinen Strom, die Menschen waren arm. Erdogan hat das Leben für viele Menschen in der Türkei einfach besser gemacht. Ich sehe jedoch eigentlich alle Politiker skeptisch, sie dienen oft anderen Interessen als denen ihres Volkes. Aber meine Aufgabe als Musikerin ist es nicht, mich in die Politik einzumischen. 
 
Was steht demnächst musikalisch auf Ihrer Agenda? 
Ich arbeite sowohl an Instrumental Songs als auch an Liedern auf Deutsch, Englisch und Türkisch. Außerdem habe ich das Projekt "Four Women for Peace" gestartet. Für Frauen ist es im Musikgeschäft und nicht nur da nämlich wirklich schwierig. Wir wollen nicht nur selbst als Band auftreten, sondern auch Frauen unterstützen und ihnen in unserem hauseigenen Studio die Möglichkeit geben, die Musik zu machen, die sie machen wollen. Frauen müssen endlich ihren Wert und die Qualitäten ihrer Weiblichkeit erkennen, anstatt bessere Männer sein zu wollen. Interview: SUSANNE HELMER  Nürnberger Nachrichten 
 
Hülya tritt am kommenden Samstag, 4. Mai, im Rahmen der „Blauen Nacht“ ab 20 Uhr in der Nürnberger Egidienkirche auf. Weitere Informationen im Internet unter www.huelya.eu 
 

 

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